Selbstverständnis des DIL und seiner Ausbildungen

Einleitung

 

Mit diesem Text möchte ich für unser Institut darstellen, wie wir zu den Themen Lernen und therapeutische Arbeit mit Kindern stehen und wie dementsprechend unsere Ausbildungen konzipiert sind. Der Text richtet sich in erster Linie an Menschen, die wissen möchten, von welcher inneren Haltung aus wir unsere Ausbildungen gestalten.

Dies hat auch mit der Frage zu tun, wer an unserem Institut eine Ausbildung besuchen kann, ob zum Beispiel eine bestimmte Vorbildung mitgebracht werden muss. Um es vorweg zu nehmen: Nein, es gibt keine formalen Voraussetzungen für die Teilnahme. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum denn wirklich jeder Mensch solche Ausbildungen besuchen kann oder ob nicht das Niveau leidet, wenn beispielsweise Teilnehmer dabei sind, die nicht Psychologie, Pädagogik, Medizin oder anderes studiert haben, dann bietet Ihnen die folgende Beschreibung unseres Verständnisses von Lernen und der Arbeit mit Menschen eine Antwort. Es wird sich zeigen, dass es nicht so sehr auf die formale Qualifikation ankommt (z. B. ein Diplom), wenn man mit Menschen arbeitet, sondern stärker auf die menschliche, und zwar besonders auf die Empathiefähigkeit – die Fähigkeit, sich in sein Gegenüber einzufühlen. Voraussetzung für die Teilnahme an unseren Ausbildungen sind daher Einfühlungsvermögen, Freude an der Arbeit mit Menschen und die Bereitschaft zur Selbstreflektion.

Unser Selbstverständnis als Institut lässt sich anhand der drei folgenden Aspekte beschreiben:

  1. Lernen – was ist das, wie geht das? Was muss man dafür mitbringen, was muss man dabei tun?
  2. Arbeit mit Kindern – wer ist dafür geeignet? Was ist es, das die Qualität der Arbeit mit Kindern ausmacht? Und – kann man diese Qualität erwerben?
  3. Aus- und Weiterbildungen in diesem Zusammenhang – was sollte sie kennzeichnen? Was sollte Inhalt sein?

 

1. Wie geschieht Lernen?

Einerseits kann man Wissen mit dem Verstand aufnehmen oder auch auswendig lernen. Das ist dann Kopfwissen, das darin besteht, dass man (nur) mit dem Verstand etwas weiß, zum Beispiel: in Indien ist die Armut sehr hoch, es gibt viele Kinder mit ADHS-Problematik, Achterbahn-Fahren ist ein ganz besonderes Erlebnis. Solches Wissen erwirbt man, indem man vielleicht eine Zeitung oder ein Buch liest oder in einem Gespräch etwas mitgeteilt bekommt. Dieses Wissen ist ein rein abstraktes, losgelöst von der eigenen emotionalen Erfahrung. Demgegenüber gibt es Wissen, das den ganzen Menschen erfasst, das nicht nur mit dem Kopf „gewusst“, sondern mit dem gesamten Leib als Gewissheit erlebt wird, das mit einem Gefühl verbunden ist und mit der eigenen Erfahrungswirklichkeit in Einklang steht. Entscheidend hierbei ist, das Wissen erfahren zu haben, etwas selbst erlebt zu haben und nicht nur die Erfahrung eines anderen mitgeteilt zu bekommen. Es ist ein Unterschied, ob Sie den Erlebnisbericht einer Freundin über die Armut in Indien anhören oder ob Sie diese Armut selbst gesehen haben und mit betroffenen Menschen in Kontakt gekommen sind. Genauso ist es ein Unterschied, Statistiken und Prävalenzen etc. über ADHS zu lesen oder selbst ein Kind mit ADHS-Diagnose zu haben bzw. facettenreich geschildert zu bekommen, wie aufregend das Auf und Ab in der Achterbahn war oder selbst in der Achterbahn gesessen und die Übelkeit gespürt zu haben usw. Man versteht die Dinge erst nach der eigenen Erfahrung wirklich.

Im Umgang mit anderen Menschen ist es notwendig, eine große Bandbreite eigener Erfahrungen zu haben, weil diese eigenen Erfahrungen es erst ermöglichen, den anderen verstehen und sich in seine Wirklichkeit hinein versetzen zu können. Diese Empathiefähigkeit ist die entscheidende Voraussetzung für das Gelingen einer zwischenmenschlichen Beziehung (Belege dafür liefert die neuere Hirnforschung). Die Beziehung zwischen Therapeut und Klient wiederum ist der bedeutendste Wirkfaktor in der Psychotherapie (Studien zu dieser Frage z. B. von Klaus Grawe). Überspitzt gesagt, bevorzugen wir deshalb in unseren Ausbildungen Weltreisende vor Akademikern als Teilnehmer, wenn wir uns entscheiden müssten. Aus diesem Grund findet in unseren Ausbildungen nicht in erster Linie Theorievermittlung statt, und entsprechend legen wir auch keinen verstärkten Wert auf theoretische Vorkenntnisse der Teilnehmenden.

Ein wesentliches Ziel einer Ausbildung ist daher auch in der Möglichkeit, neue Erfahrungen machen zu können, zu sehen. – Sie können einen Text darüber lesen, dass Perspektivenübernahme wichtig ist, also dass Sie sich in die Situation des Kindes hinein versetzen sollen und ihm für das Problem keine Lösung präsentieren sollen – oder Sie können im Rollenspiel Ihrem Gegenüber ein eigenes Problem schildern, hören wie es sagt, „Dann mache mal das und das“, und dann die Abwehr spüren, die Sie gegen diese Lösungsmöglichkeit haben, weil es eben nicht Ihre Lösung ist, sondern die Ihres Gegenübers. Erst dieses Gefühl, dass Sie Ihre eigene Lösung brauchen, macht das Verständnis für das Thema „Perspektivenübernahme“ vollständig. Erst dann sind Sie wirklich in der Lage, sich mit Lösungsvorschlägen für die Probleme anderer zurückzuhalten. So wenig wie die Lektüre eines Artikels zum Thema „Perspektivenübernahme“ die beschriebene eigene Erfahrung ersetzen kann – so wenig kann das Lesen dieses Textes die eigene Teilnahme an einer Ausbildung ersetzen. Also kommen Sie in eine Ausbildung und sehen Sie selbst.

Die eigene Erfahrung ist nicht durch Erfahrungen aus zweiter Hand zu ersetzen. Nur auf der Basis eigener Erfahrungen können auch eigene Urteile gefällt werden, diese können nicht einfach durch die Übernahme der Urteile anderer ersetzt werden – dafür sind wir Menschen in unseren Erfahrungswelten zu unterschiedlich und ebenso in unserer Art und Weise, Beurteilungen vorzunehmen.

Lernen ist insofern das Machen eigener Erfahrungen (Ausdrücke wie „Ich habe bitter lernen müssen, dass …“; „Er hat seine Lektion gelernt“ verdeutlichen das), verbunden mit der Reflektion darüber (kopfmäßig, emotional, seelisch) und dem Ziehen von Konsequenzen. Erfahrungen allein reichen für das Lernen und die Entwicklung nicht aus, man muss auch bewusst mit ihnen umgehen. Dieses bewusste Umgehen mit Erfahrungen ist nicht immer gegeben; man kann auch Erfahrungen machen, ohne aus ihnen zu lernen („der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“). Zum Lernen muss man also vor allem folgendes mitbringen: die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen und darüber zu reflektieren. Der Ablauf ist kurz gesagt: mitmachen – aushalten, was geschieht (auch unangenehme Gefühle) – nachspüren, nachdenken, wirken lassen, besprechen.

Lernen und Entwicklung hängen eng miteinander zusammen. Entwicklung heißt, sich zu verändern, Dinge anders zu sehen oder zu machen als vorher. Sie ergibt sich zwangsläufig aus dem fortwährenden Lernen. Wir kreisen im Kontext der Arbeit mit Menschen um folgende Begriffe:

Wissen = a) Kopfwissen (Faktenwissen),

b) Gewissheit auf der Basis eigener Erfahrungen.

Erfahrung = in einer Situation sein, etwas erleben, etwas tun, und dabei nicht unberührt bleiben (emotional berührt werden).

Lernen = eine Erfahrung machen und über sie reflektieren.

Entwicklung = Veränderung des Menschen durch fortwährendes Lernen.

Die folgende Abbildung veranschaulicht den Zusammenhang zwischen den einzelnen Elementen:

 

Abbildung Entwicklung

 

Dieser Prozess, der immer wieder aufs Neue durchlaufen wird, bildet die Spirale menschlicher Entwicklung. Kurz gefasst sind sein Komponenten 1. Erfahrungen machen, 2. Wissen erwerben und 3. Reflektion üben.

Diese Entwicklungsspirale hat auch eine Wirkung auf die therapeutische Praxis. Wenn die Qualität der therapeutischen Arbeit stark aus der Empathiefähigkeit resultiert und diese wiederum durch Erfahrungen erweitert wird, dann haben wir es auch hier wieder mit einem Kreislauf zu tun. In dieser zweiten Spirale verstärken sich Erfahrungen, dadurch breitere Verfügbarkeit von Handlungen und Gefühlen, Empathiefähigkeit und die therapeutische Arbeit gegenseitig. Die Teilnahme an Aus- und Weiterbildungen wirkt sich bestenfalls auf alle vier Aspekte aus; sie kann den Prozess anstoßen und ihm beständig neue Impulse geben. Zusammenfassend sieht der Kreislauf so aus:

 

abb_bedeutung_therap_arbeit

 

Wissenschaftlich untermauern lässt sich das Modell einerseits durch die aktuellen Ergebnisse der Hirnforschung über die Spiegelneurone (vgl. z. B. Joachim Bauer). Zum anderen haben die Befunde und Überlegungen zum „Lernen am Modell“, das Albert Bandura in den 1970er Jahren im Rahmen seiner sozial-kognitiven Lerntheorie entwickelt und beschrieben hat, immer noch Gültigkeit. Schließlich spielt ein wichtiges Ergebnis der Psychotherapieforschung eine Rolle: entscheidender Faktor in der Therapie ist die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Therapeut und Klient (und eben nicht die Psychotherapiemethode; Forschung dazu stammt z. B. von Klaus Grawe).

 

2. Die Arbeit mit Kindern

In früheren Zeiten spielten Strenge, Verbote und Bestrafung (z. B. der Lehrer mit dem Rohrstock) im Umgang mit Kindern eine viel größere Rolle als heute. Kinder wurden oft als kleine Erwachsene behandelt, die sich entsprechend zu benehmen hatten. Andererseits waren sie auch viel sich selbst überlassen, konnten alleine draußen spielen und die Umgebung erkunden und mussten Begegnungen mit anderen Kindern ohne elterliche Hilfe regeln und bewältigen. Heute werden Kinder oftmals sehr stark beachtet und mit Aufmerksamkeit bedacht, weil sie etwas Besonderes geworden sind, so dass die selbstinitiierte Beschäftigung nicht mehr stattfindet. Sie werden behütet, Verbote und Grenzen zu setzen finden viele Eltern überholt. Eine Vielzahl von Medien lädt zum Konsum ein, viele Kinder leiden unter Bewegungsmangel und einer Unterentwicklung der Koordinationsfähigkeiten. Gleichzeitig sehen sich die Eltern oft überfordert, bedingt durch eigene Ansprüche sowohl an sich als auch an das Kind sowie auch durch gesellschaftliche Normen. Bei manchen Kindern kommt aufgrund von Trennung der Umstand eines fehlenden Elternteils hinzu.

Worum nun geht es bei der Arbeit mit Kindern? Was ist das Besondere daran? Was ist der entscheidende Punkt, der diese Arbeit glücken lassen kann? Fragen dieser Art sind so grundsätzlich, dass sie mindestens eine zweifache Antwort erfordern. Die erste Antwort bezieht sich auf unsere grundlegenden Annahmen, wie Kinder sind und wie man sie behandeln muss. Diese Antwort ist die theoretische, die philosophische: sie beschreibt, mit welcher inneren Haltung wir Kindern gegenübertreten. Die andere Antwort ist die pragmatische: sie benennt die Methoden und die konkreten Vorgehensweisen, die wir wählen, wenn das Kind vor uns sitzt und wir ohne lange nachzudenken etwas machen müssen.

Zunächst möchte ich für unser Institut die philosophische Antwort erläutern. Ich glaube nicht, dass die Art und Weise, wie Kinder sind, wie sie in der Welt stehen und was sie wollen und brauchen, heute bedeutend anders ist als früher. Wenn sich die Erwachsenen den Kindern gegenüber heutzutage anders verhalten, liegt das an einer veränderten gesellschaftlichen Auffassung davon, wie Kinder sind und wie man sie behandeln sollte. Das heißt, dass das Menschenbild von uns Erwachsenen eine erhebliche Rolle dabei spielt, wie wir mit Kindern umgehen. Mit Menschenbild ist der ganz grundlegende Glaube darüber gemeint, wie der Mensch ist und funktioniert – zum Beispiel, ob er eher ein rationales oder ein emotionales Wesen ist, ob er unveränderliche Eigenschaften besitzt, ob er gut oder schlecht ist, ob er auf Zusammenarbeit oder Kampf angelegt ist, ob es so etwas wie ein Unbewusstes gibt, ob zu viel Liebe nur verwöhnt, ob man Kinder erziehen muss oder ob sie von alleine wachsen usw. usf. Wir alle tragen ein solches Menschenbild in uns, es bildet die Basis, von der aus wir mit anderen Menschen interagieren.

Das momentane Menschenbild, das unser Institut trägt, möchte ich schlaglichtartig so skizzieren:

  • Der Mensch ist von seiner Anlage her gut oder neutral (jedenfalls nicht schlecht),
  • der Mensch will lernen, er ist neugierig von Natur aus,
  • der Mensch braucht Sicherheit, Geborgenheit und Liebe,
  • er ist zur Einsicht fähig, kann sich verändern und entwickeln,
  • Zeit ist keine relevante Dimension – es spielt keine Rolle, ob Entwicklungsprozesse schnell oder langsam verlaufen,
  • es gibt ein Unbewusstes, das auch Einfluss auf unser Erleben und Verhalten hat,
  • es gibt auch Schattenseiten im Menschen, aggressive Tendenzen, unverarbeitete Konflikte, neurotische Einflüsse, die zu berücksichtigen und anzusehen sind, mit dem Ziel, sie in die Persönlichkeit zu integrieren (wohingegen es kontraproduktiv bis gefährlich ist, sie zu leugnen) – sie gehören ebenso zum Menschen wie die „guten“ Seiten,
  • Kinder brauchen als Wichtigstes Liebe, Kontinuität in der Beziehung und in ihrer Realität wahrgenommen zu werden,
  • es gibt schöpferische und gestaltende Kräfte im Menschen, die ihm helfen und ermöglichen, sich zu entwickeln, sein Leben zu gestalten und sich damit immer mehr mit sich selbst in Einklang zu bringen,
  • die Menschen sind unterschiedlich, weswegen es keine Methode gibt, die für alle, und kaum eine, die für viele passt,
  • unangemessenes Verhalten ist ganz oft Ausdruck ungelöster, meist emotionaler Konflikte im Menschen; diese Konflikte wiederum liegen in Umweltfaktoren begründet, die die Bedürfnisse des Menschen unerfüllt gelassen haben,
  • das Seelische im Menschen möchte sich entwickeln und reifer werden,
  • nicht alle Konflikte (innerhalb eines und zwischen mehreren Menschen) können gelöst werden in dem Sinne, dass sie verschwinden, manche können nur äußerlich geregelt werden, so dass es eine für alle akzeptable Form des Umgangs gibt, und müssen ansonsten innerlich ausgehalten und getragen werden,
  • Probleme und ihre Lösungen sind individuell, es kann keine Problemlösung „übergestülpt“ werden,
  • der Mensch ist vor allem ein emotionales, kein rationales Wesen,
  • Grundlage jeder mitmenschlichen Beziehung wie auch der therapeutischen Arbeit ist Wertschätzung des „Menschen an sich“, dieses heißt jedoch nicht, alles Verhalten gut zu heißen, sondern zwischen dem Menschen und seinem Verhalten zu trennen,
  • jeder Mensch trägt Teile in seiner Persönlichkeit, die noch nicht sichtbar sind, aber entwickelt werden können,
  • jeder Mensch ist nicht nur in der Lage, sich und sein Leben zu gestalten, sondern auch für sich (sein Befinden und seine Handlungen) verantwortlich – dies gilt noch nicht für Säuglinge, aber umso mehr, je älter der Mensch wird,
  • Liebe ist keine endliche Ressource.

Von diesem Menschenbild, das wir alle ganz individuell besitzen und von dem aus wir andere Menschen betrachten, leiten sich zwei für uns wichtige Fragen ab, wenn ein Mensch mit einem Problem zu uns kommt: a) Was glauben wir, wie das Problem entstanden ist? b) Wie ist anzusetzen, um helfen zu können?

Die zweite, die praktische Antwort spricht die Methoden an, die einzusetzen sind, wenn man mit Menschen arbeitet. „Methodos“ heißt im Griechischen „Weg“, das heißt die Methode ist der Weg, um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich von A nach B will, stellen sich drei Fragen: erstens – wo starte ich (wie sieht A aus, was gibt es da, was fehlt), zweitens – wo will ich hin (was genau kennzeichnet B, was will ich erreichen) und drittens – welchen von den möglichen Wegen wähle ich aus, um ans Ziel zu kommen.

Für uns spielt hier stark eine Rolle, dass die Menschen verschieden sind und daher nicht eine Methode (der Wissensvermittlung, der Erklärung, der Ansprache, …) immer für alle passend ist. „Die Methode“ ist daher nicht, alle denselben Weg beschreiten zu lassen, sondern mit jedem Menschen individuell zu sehen, wie ein guter Weg aussehen kann.

Wir nehmen folgendes an, was einerseits eine nähere Beschreibung unseres Menschenbildes ist und andererseits auch Leitlinien für die therapeutische Arbeit gibt: Ein Kind, das beispielsweise auffällig Aggressivität oder Teilnahmslosigkeit zeigt, trägt auch eine Not in sich. Diese Not besteht oft aus Angst oder Unsicherheit, das heißt einem niedrigen Selbstwertgefühl.

Die nahe liegende Frage ist nun: Liegt die Ursache für das beobachtbare Verhalten im Kind oder in seiner Umwelt? Je nach dem, wie man diese Frage beantwortet, werden auch die einzuleitenden Maßnahmen ausgewählt. Wir glauben: die entscheidenden Faktoren sind meistens in der Umwelt des Kindes zu suchen. Damit scheiden sofort alle therapeutischen Methoden, die lediglich aus Training mit dem Kind bestehen, aus. Demgegenüber erlangen solche Methoden, die am Umfeld des Kindes ansetzen, eine hohe Bedeutung.

Das Modell für die Entstehung vieler Problematiken bei Kindern, das wir vertreten, sieht zusammengefasst so aus:

 

Auslösende Bedingungen Emotionen Symptome
soziale und physische Umwelt, Erfahrungen Angst,
Unsicherheit,
bedrohter Selbstwert
Aggressivität, Apathie (z. B. auch ADS, ADHS)
Umweltebene Psychische Ebene Verhaltensebene

 

Mit dem Symptom drückt das Kind eine innere Not aus. Was von anderen als unerwünschtes Verhalten angesehen wird, resultiert aus dem Unvermögen des Kindes, besser mit einer als bedrohlich empfundenen Situation umzugehen. Dieses Modell beschreibt den Defizitraum. Es lässt sich genauso auf den Möglichkeitsraum anwenden: In dem Moment, wo sich die Umwelt wandelt und für das Kind andere, positive, konstruktive Erfahrungen bereitstellt, wandeln sich auch Emotionen und Verhalten des Kindes.

Von dieser Basis aus gestalten wir unsere Ausbildungen. Wir gehen von der Annahme aus, die beobachtbare Schwierigkeit eines Kindes lässt sich in der Regel auf Einflüsse der Umwelt zurückführen (Eltern, andere Verwandte, Lehrer, Mitschüler, Freunde, Wohnsituation etc.). Unser Standpunkt speist sich im Wesentlichen aus diesen Quellen:

  • persönliche Erfahrungen der mitarbeitenden Personen (v. a. Leiter und Dozenten),
  • Stand der wissenschaftlichen Forschung (empirische Untersuchungen und theoretische Überlegungen),
  • Rückmeldungen unserer bisherigen Teilnehmer bezogen auf den Nutzen der Ausbildung für sie persönlich und hinsichtlich ihrer praktischen Erfahrungen.

Ein Ausbildungsinstitut und dessen Dozent(inn)en transportieren immer auch ein Menschenbild. Das kann gar nicht anders sein, weil auch Leiter und Dozenten Menschen sind und ihre jeweilige Auffassung vom Mensch-Sein haben. Das ist auch absolut in Ordnung. Für Interessenten und Teilnehmer ist es interessant zu prüfen, ob das Menschenbild des Institutes mit den eigenen Vorstellungen genügend harmoniert.

Kommen wir zurück auf die therapeutische Arbeit mit Kindern. Was ist die wichtigste Fähigkeit, um gut mit Kindern arbeiten zu können? Sehen wir zunächst, auf was wir Wert legen können:

  • theoretisches Wissen zu haben, zum Beispiel durch ein Pädagogik- oder Psychologiestudium,
  • über Erfahrung in der Arbeit mit Kindern zu verfügen, zum Beispiel als Erzieher im Kindergarten oder als Tagesmutter,
  • selbst Kinder zu haben,
  • über die Fähigkeit zu verfügen, durch Empathie eine gute Beziehung zu einem Kind herstellen zu können und spüren zu können, was das Kind gerade braucht,
  • eigene Psychotherapieerfahrungen zu haben.

Die beste Arbeit leistet vermutlich jemand, der über alle diese Eigenschaften verfügt. Das tut jedoch kaum jemand. Die Basis unserer Arbeit ist diese: Am ehesten entbehrlich ist ein Studium, denn dort erfolgt eine fast ausschließliche Vermittlung von Faktenwissen unabhängig von der menschlichen Entwicklung der Studenten; Dinge wie Empathie, sich auf das Gegenüber wirklichen einlassen, Selbsterfahrung, Arbeit an noch nicht entwickelten Persönlichkeitsanteilen usw. sind nicht Gegenstand einer universitären Ausbildung (wie ich selbst aus mehrfacher eigener Erfahrung weiß). Die Erfahrung im Umgang mit Kindern, seien es eigene oder fremde, ist ebenfalls nicht unbedingt erforderlich. Sie ist aber sicherlich hilfreich, weil neu zu Lernendes besser verstehbar und einzuordnen ist, je mehr Vorerfahrungen und -wissen man mitbringt. Wichtigste Voraussetzung ist hingegen die Beziehungsfähigkeit, also die Möglichkeit, eine tragfähige zwischenmenschliche Beziehung zum Kind herzustellen. Diese kann sogar unabhängig vom erlernten Grundberuf vorhanden sein, denn sie speist sich aus dem Reifegrad der Persönlichkeit, der Empathiefähigkeit und der Bereitschaft zur Selbstreflektion. Diese Aspekte der Persönlichkeit reifen weiter im Verlaufe einer Psychotherapie, daher ist eine derartige Erfahrung hilfreich für die eigene Arbeit mit Menschen.

Um ein Beispiel zu nennen, stellen Sie sich folgendes vor: Sie wollen mit einem Kind das Haus verlassen und ihm dafür die Schuhe anziehen. Das Kind läuft weg und ruft irgendetwas. Sie nehmen es, setzen es auf einen Stuhl und beginnen, einen Schuh über den Fuß zu streifen. Das Kind wehrt sich und läuft wieder weg. Wenn Sie in dieser Situation sind, was hilft Ihnen dann konkret mehr – ein Universitätsdiplom oder Empathiefähigkeit? Wer nicht bereit ist, sich auf sein Gegenüber einzulassen und die eigenen Themen außen vor zu lassen (empfundene Unzulänglichkeiten, frühere Kränkungen, Bedürfnisse, Ängste, Vorurteile etc.) oder sich zumindest ihrer bewusst zu sein und vorübergehend auszuklammern, sollte nicht therapeutisch mit Menschen arbeiten. Kein Mensch ist perfekt, jeder hat an der ein oder anderen Stelle an sich zu arbeiten – das gehört zu unserem Menschsein. Die Bereitschaft dazu ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, wenn ein Therapeutenberuf angestrebt wird.

Wir sind uns bewusst, dass diese Haltung derzeit in Deutschland ungewöhnlich ist. Dennoch sind wir von der Richtigkeit dieses Weges überzeugt. Die überstarke Orientierung an Wissen, Rationalität, Diplomen, Leistung und Technik hat das originär Menschliche immer mehr in den Hintergrund treten lassen. Die Strukturen, die sich entwickelt haben und in denen wir heute leben, haben den Menschen immer mehr von sich selbst entfremdet. Eine sinnvolle und erfüllende Zukunft liegt für die Menschheit darin nicht. Je mehr die einzelnen Menschen eigene Stärken entwickeln, die Stärken anderer anerkennen können, ohne sich dadurch bedroht zu fühlen, aber auch eigene Schwächen und Unzulänglichkeiten akzeptieren und integrieren lernen und die der anderen tolerieren können, ohne Angst oder Überheblichkeit zu entwickeln, und je mehr wir alle unsere Kreativität zulassen und entfalten – desto mehr wird sich auch die Gesellschaft als ganze zu ihrem Guten hin entwickeln und uns einen lebenswerten Rahmen bieten. Diejenigen Menschen, die auf diesem Wege gehen, werden die Zukunft gestalten, die Menschheit weiterbringen und den Kindern helfen, zu vollständigen und zufriedenen Menschen zu werden. Und wer sagt, dass das unbedingt die mit den Diplomen sein müssen?

Ich möchte nicht missverstanden werden: Wissen ist ein sehr wertvolles Gut und eine wichtige Ressource des Menschen. Das, was das menschliche Gehirn am besten kann, ist lernen, und dazu gehört auch das Aufnehmen von Wissen. Je mehr man weiß und kennt, desto besser kann man die Welt und das, was geschieht, wahrnehmen und verstehen. Ich möchte also nicht ausdrücken, ich würde Wissen geringschätzen. Nur denke ich, die Bedeutung von rein intellektuellem Wissen wird oft überschätzt. Intuitives Wissen und menschlich-seelische Qualitäten sind ebenso wichtig, wenn mit Menschen gearbeitet oder sonstwie umgegangen wird. Daher möchte ich die Bedeutung menschlicher Fähigkeiten, und zwar vor allem der Empathiefähigkeit, deutlich machen. Diese haben eine andere Qualität als Kopf-Wissen. Das eine ist durch das andere nicht zu ersetzen, das gilt in beide Richtungen. Es ist gut, über ein Studium, eine Berufsausbildung oder Berufserfahrung zu verfügen, wenn man eine therapeutische Tätigkeit anstrebt. Nur kann das eine möglicherweise noch zu gering entwickelte Empathiefähigkeit nicht ausgleichen. Daher legen wir bei unseren Teilnahmevoraussetzungen mehr Wert auf Einfühlungsvermögen als auf ein Hochschulstudium. Im Zweifel kann fehlendes Fachwissen leichter nachgearbeitet werden als Empathie. Und noch als Abschlussgedanke zu diesem Thema: Sowohl Wissen als auch Einfühlungsvermögen wachsen und reifen ohnehin ein Leben lang, dieser Prozess ist nie abgeschlossen, auch nicht nach einem Studium oder einer therapeutischen Ausbildung. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

Den Begriff Therapeut verstehen wir im ursprünglichen Sinne als Diener oder Begleiter. Als Begleiter auf dem Weg des Lebens und der Entwicklung, gewissermaßen als Geburtshelfer für den nächsten gerade anstehenden seelischen Reifungsschritt. Ganz entscheidend dafür ist die Fähigkeit wahrzunehmen, was das Gegenüber gerade braucht, das heißt menschlich braucht – und ihm das zu geben oder zumindest sein Bedürfnis sehen und spiegeln zu können.

Zur Frage, inwieweit man diese Qualitäten erwerben kann, also ob man es lernen kann, Therapeut zu werden: Im Prinzip ja. Grundlegend müssen bestimmte menschliche Fähigkeiten mitgebracht werden: Empathie zu üben, spiegeln zu können, Interesse an der subjektiven Welt anderer Menschen zu haben, und die eigene Welt immer mehr und besser kennen lernen zu wollen, das heißt den eigenen inneren Erfahrungshorizont im Laufe der Zeit immer mehr zu erweitern. Schließlich ist auch ein theoretisches Verständnis dessen, was die menschliche Entwicklung und die Lernvorgänge betrifft, hilfreich. Aus den bisherigen Ausführungen wurde jedoch deutlich, dass theoretisches Wissen die beiden anderen Aspekte nicht ausgleichen oder ersetzen kann, falls sie fehlen sollten. Sich ihrer bewusst zu werden und sie immer weiter zu entwickeln, sehen wir als bedeutsamste und nie endende Qualifizierung eines Therapeuten. Insofern kann man lernen, Therapeut zu werden: indem man sich Möglichkeiten schafft, diese Lernvorgänge und damit die eigene Entwicklung zu initiieren und fortwährend zu betreiben.

 

3. Anforderungen an Aus- und Weiterbildungen

Daraus ergibt sich auch, was Aus- und Weiterbildungen im therapeutischen Kontext kennzeichnen muss, wenn sie die Teilnehmer auf dem Weg zum Therapeutenberuf unterstützen können sollen:

(1) Sie müssen im Sinne eines Metagerüstes den beschriebenen Ansatz vermitteln, um den Teilnehmern die Entwicklung einer bewussten inneren Haltung zu ermöglichen. Es geht dabei nicht darum, dogmatisch Positionen weiterzugeben und verpflichtend zu machen. Sondern ein Bildungsinstitut bietet seinen Ansatz an, begründet seine Sichtweise und ermöglicht den Teilnehmern, sich darauf zu beziehen und in der Auseinandersetzung damit den eigenen Standpunkt zu erarbeiten. – Dieser Aspekt hat mit der Redlichkeit eines Bildungsinstituts zu tun und bedeutet andererseits für die Teilnehmer eine Unterstützung bei der Reflektion des eigenen Standpunktes.

(2) Auf dieser Basis muss eine Aus- oder Weiterbildung zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit des Teilnehmers beitragen. Das ist die wichtigste Aufgabe und geschieht in erster Linie, indem jeder Teilnehmer für ihn neue Erfahrungen macht. Das Konzept der Aus- oder Weiterbildung muss also so gestaltet sein, dass die Teilnehmer durch Übungen, Ausprobieren, Rollenspiele etc. in die Lage versetzt werden, etwas zu erleben, was sie sonst so nicht erlebt hätten. Diese Erfahrungen stellen wie beschrieben Lernvorgänge dar, und zwar dann, wenn das Erlebte reflektiert wird. Dieses ist der zweite Aspekt, den die Ausbildung leisten muss, also das Umgehen und Bewegen des Erlebten in der Gruppe. Indem die Teilnehmer für sich nachspüren, was sie erlebt haben und was diese Erfahrung für sie bedeutet, findet ein ganzheitlicher Lernprozess statt. Auf diesem Wege lassen sich viele Aspekte vermitteln, die mit dem Thema Lerntherapie zusammenhängen, unter anderem eben auch die Stärkung der Empathiefähigkeit (z. B. durch Rollenspiele zur Perspektivenübernahme). Nur Möglichkeiten der Arbeit am Symptom zu vermitteln (Trainings, Computerprogramme) reicht demgegenüber nicht aus. Um der Individualität der vielen verschiedenen Kinder und Eltern in der lerntherapeutischen Praxis und auch der je individuellen Beziehungsgestaltung zwischen Therapeut und Klient gerecht zu werden, können keine schematischen Abläufe definiert werden. Es gibt keine Patentrezepte, um unerwünschte Unzulänglichkeiten oder Störungen bei den Kindern zu beseitigen. Es gibt aber die Möglichkeit, dass der Therapeut als Mensch interveniert und damit die Beziehung zu „seinem“ Klienten aktiv gestaltet. Genau dadurch kann sich der der Klient als Mensch weiterentwickeln und mit dem umgehen, was als wahrgenommene Unzulänglichkeit im Raum steht. Das aktuelle Verhalten eines Menschen ist immer auch Ausdruck seines seelischen Entwicklungsstandes. Trainingsprogramme oder Übungseinheiten am Computer können ein Stück weit das Verhalten ändern, aber nicht zur Entwicklung des Menschen beitragen. – Dieser zweite Punkt hat Inhalte und Didaktik zum Thema, die der Art und Weise menschlichen Lernens (s. o.) entsprechen sollten – nämlich der Ermöglichung von Erfahrungen.

(3) Schließlich ist der theoretische Hintergrund zu vermitteln, der die erfahrenen Geschehnisse in Begriffe fasst und einzuordnen hilft. Der begrifflich-theoretische Rahmen ist einerseits bei der Reflektion des Erfahrenen hilfreich und stellt andererseits Beziehungen zu anderen Themengebieten her. Verbunden damit sollte das Fachwissen vermittelt werden, das für das Verständnis des Ausbildungsthemas und für die spätere therapeutische Arbeit nützlich ist. Überdies kann es für das therapeutische Selbstverständnis sehr identitätsstiftend sein, wenn theoretische Ausführungen als übereinstimmend mit den eigenen persönlichen Erfahrungen erlebt werden. Erst damit erhält der Lehrbuchtext eine persönliche Gültigkeit, und gleichzeitig erhält die eigene subjektive Erfahrung als allgemein menschlich zutreffend eine Bedeutung auf höherer Ebene. – Dieser letzte Aspekt bezieht sich auf die Fachwissensvermittlung und die theoretisch-reflexive Abrundung der zu lernenden Thematiken.

 

Abschluss

Die beschriebenen Modelle und Überzeugungen bilden die Grundlage unserer Arbeit und stellen unsere praktischen Erfahrungen im Bereich der Lerntherapie dar. Sie beinhalten Elemente aus seit langem bewährten Konzepten der Psychotherapie und werden durch aktuelle Forschungsergebnisse aus der Psychologie und der Hirnforschung gestützt.

Wenn ich das mir Wichtigste zusammenfassend wiedergeben sollte, würde ich sagen: Das, was heilt, ist der Mensch. Was in der therapeutischen Beziehung letztlich wirkt, ist der Therapeut als Mensch. Auch während er seinen Beruf ausübt, ist er doch in erster Linie Mensch. Über seine menschliche Qualität wird die Beziehung zum Klienten hergestellt, und genau das ist der wichtigste Aspekt der therapeutischen, also der begleitenden, helfenden Beziehung. Die zentrale Eigenschaft, die das ermöglicht, ist die Empathiefähigkeit. Diese zu stärken, vermittelt auch über neue Erfahrungen, ist beständige Aufgabe von Therapeuten und ein wesentliches Ziel unserer Aus- und Weiterbildungen.

 

 

Jens Eitmann

im September 2010